Donnerstag, 20. Mai 2010

Here it is: The grooving feeling of South-Africa



Alle Welt schaut in diesen Tagen in Richtung Kap der Guten Hoffnung, doch soviel steht fest: Die meisten WM-Fans, die jetzt gerne nach Afrika gereist wären, können (oder wollen) sich diese Fernreise nicht leisten. Sie werden sich also mit dem TV-Gerät und/oder der Gemeinschaft der Public-Viewer vor Riesenleinwänden  mit Second-Hand-Fußball begnügen müssen. 
Wer von den verhinderten Fernreisenden aber neben dem Fußball auf weitere kulturelle Encounters in SA gehofft hatte, für den gibt es eine gute Nachricht: Südafrika ist mit vielen seiner Identitäts- prägenden Künstler gerade zu Gast in Berlin:


Sounds No Walls: Musik über Stacheldraht hinweg | Kultur | ZEIT ONLINE
Von Maxi Sickert/FAZ-NET

"Viele der eingeladenen Musiker haben das Exil und seine Folgen ganz unterschiedlich erlebt. Entsprechend unterschiedlich hat sich diese Zeit auf ihre jeweilige musikalische Identität ausgewirkt. Abdullah Ibrahim wurde in den Sechzigern in Zürich von Duke Ellington entdeckt und gefördert. Hugh Masekela, der aufgrund seines außergewöhnlichen Talents eine Trompete von Louis Armstrong geschenkt bekam, wurde später von Yehudi Menuhin und Harry Belafonte unterstützt. Louis Moholo lebte am Rand des Existenzminimums. Er erzählt heute, wie die Musiker in den ersten Exiljahren in London in Hauseingängen schliefen und im Müll nach Essbarem suchten.
Zur jüngeren Generation des südafrikanischen Jazz gehört der Saxofonist Zim Ngqawana, der in den USA bei Max Roach und Wynton Marsalis studierte, anschließend bei Archie Shepp und Yusef Lateef. Im Gespräch thematisiert er die drängenden Probleme Südafrikas, wie Aids, innerfamiliäre Gewalt, sowie das Bildungs- und Gesundheitssystem. Neben Zim Nqqawana wird auch Archie Shepp am Freitagabend mit seinem Quartett und einem Tribute to Africa auftreten...."

Mit seinem Titel "sounds no walls"  schlägt das Berliner Pfingst-Jazz-Festival nicht nur eine markante Brücke zwischen der einstigen Mauerstadt Berlin und Südafrikas Johannesburg - wo jahrzehntelang Apartheid und Stacheldrahtzäune die Schwarzen von den Weißen, die Armen von den Reichen und die Mächtigen von den Machtlosen getrennt haben - es präsentiert auch gerade die Musiker, deren Leben und Werk von diesen gewaltsamen Trennungen gezeichnet sind:

"...An dem langen Konferenztisch sitzt auch der Pianist Abdullah Ibrahim, der sich in den dreißig Jahren seines Exils immer wieder für die Befreiung Südafrikas eingesetzt hat. Auch an diesem Tag versucht er, den Minister zu überzeugen, sich für das kulturelle Erbe des südafrikanischen Jazz einzusetzen. Doch verschwommen sind die Erinnerungen an die große Zeit der Anfänge, als Abdullah Ibrahim, damals noch "Dollar" Brand, 1959 mit der Gruppe Jazz Epistles das erste Jazzalbum Südafrikas aufnahm. Auch die Jugendlichen, die er an der von ihm gegründeten Schule einmal in der Woche unterrichtet, kennen die Namen der einstigen Stars des südafrikanischen Jazz nicht mehr: Die Großen des Landes sind nach dem Massaker von Sharpeville 1960 aus Südafrika geflohen. Unter ihnen auch der Trompeter Hugh Masekela, der Schlagzeuger Makaya Ntshoko, Abdullah Ibrahim und der Schlagzeuger Louis Moholo, in seinen Anfängen Mitglied der legendären Band Blue Notes..."

Die Tragik der Schicksale der einstigen Exil-Musiker ist heute, dass sie jetzt zwar frei und unbehelligt im befreiten Südafrika leben und arbeiten können, dass sich aber nur ein Bruchteil der (im Durchschnitt sehr jungen) Bevölkerung ihres afrikanischen Heimatlandes an sie und an ihre Vorkämpferposition erinnern können.

"Jazz war die musikalische Stimme der südafrikanischen Freiheitsbewegung unter Nelson Mandela, bei dessen Amtseinführung 1994 Abdullah Ibrahim spielte. Auf die amerikanische Szene blickend erinnert sich Hugh Masekela: "Jazz zeigte uns damals das außergewöhnliche Talent eines versklavten und diskriminierten Volkes. Die schwarzen amerikanischen Jazzmusiker repräsentierten Triumph trotz Unterdrückung. Als ich aufwuchs, war es in Südafrika nur möglich zu überleben durch die Inspiration dieser Jazzmusiker, denen wir uns verbunden fühlten." Die englische Journalistin Gwen Ansell schrieb 2004 in ihrem Buch Soweto Blues. Jazz, Popular Music & Politics in South Africa als erste eine Geschichte des südafrikanischen Jazz als Ausdruck von Hoffnung in einer von Rassismus und politischer Gewalt geprägten Gesellschaft...."

Der Initiator und Leiter des Berliner  "sounds no walls"-Festivals steht schon seit dieser Zeit mit den meisten seiner jetzigen Musiker-Gäste in Verbindung:

"...Der Leipziger Publizist Bert Noglik, der die Musiker bereits in den siebziger Jahren interviewte und porträtierte, hat die Gründergeneration des südafrikanischen Jazz jetzt zu dem Festival Sounds No Walls nach Berlin geladen. Es ist das erste Mal, dass die letzten Mitglieder der Jazz Epistles wieder bei einem Festival zu hören sind, auch wenn sie nicht gemeinsam auftreten werden. Louis Moholo, der in London Mitglied der einflussreichen Bigband Brotherhood of Jazz war und in Zürich mit der Pianistin Irène Schweizer Konzerte und Protestmärsche gegen die Apartheid organisierte, kommt ebenfalls nach Berlin. Als sich Moholo 2005 entschloss, nach Südafrika zurückzukehren, spielten sie ihr letztes gemeinsames und sehr emotionales Konzert beim Total Music Meeting in Berlin. Bei Sounds No Walls treten sie wieder gemeinsam auf....
.....Der Festivalleiter Noglik versteht die Fußball-WM 2010 in Südafrika als Beitrag zu einem positiven Selbstwertgefühl des Landes. Am Pfingstwochenende möchte er den Blick kurz vom Sport ablenken hin zur südafrikanischen Kultur, speziell auf den Jazz, in seiner Differenziertheit und Widersprüchlichkeit...."


Und auch Hugh Masekela, der große alte Mann des südafrikanischen Freiheitskampfes und des internationalen Jazz bringt neben seiner Trompete und den Kult-Stücken auch ein Stück südafrikanische Geschichte sowie Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit nach Berlin:

"....Hugh Masekela ist trotz all der Schwierigkeiten überzeugt von der spirituellen Kraft seines Landes und auch der Musik. Trotz einer neofaschistischen Burenbewegung und der zerrissenen einstigen Mandela-Partei ANC, trotz der mit Stacheldraht gesicherten Parks und Einkaufszentren, trotz der handgemalten Transparente in den Kirchen der Townships, die Gott um Hilfe gegen das Aids-Virus bitten. So ist es nicht zuletzt die tiefe Musikalität der Künstler, die einen Weg nach vorn öffnet, über Mauern und Stacheldraht hinweg und über die WM hinaus."

 Trompeten des Widerstands « Jazz « Tonträger

Der Trompeter Hugh Masekela wurde 1939 in Witbank in der Nähe von Johannesburg geboren. Er studierte bei dem Bürgerrechtler und Anti-Apartheid Aktivisten Trevor Huddleston und nahm 1959 mit der Band Jazz Epistles die erste südafrikanische Jazzplatte auf. Später floh er nach London und kurz darauf in die USA, wo er mit Miriam Makeba verheiratet war. Seit seiner Rückkehr 1990 engagiert er sich unter anderem in einem Antidrogenprogramm für Musiker.

Konzert: Samstag, 22. Mai, 22.00 Uhr, Berlin – Quasimodo


Der Saxofonist Archie Shepp wurde 1937 in Florida geboren. Er begann 1960 mit Cecil Taylor zu spielen und nahm mit John Coltrane das Album Ascension auf. Er engagierte sich in der Bürgerrechts- und Anti-Apartheid-Bewegung und unterrichtete Zim Ngqawana an der Universität von Massachussetts. Heute lebt er in Paris.

Konzert: Freitag, 21. Mai, ab 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal

Der Saxofonist Zim Ngqawana wurde 1959 in Port Elisabeth, Südafrika geboren und gehört zu den aktuell einflussreichsten südafrikanischen Musikern. Als er begann, sich für Jazz zu interessieren, waren die südafrikanischen Jazzmusiker bereits im Exil. Er orientierte sich zuerst an amerikanischem Jazz, bevor er nach seiner Rückkehr 1990 die Wurzeln recherchierte. Heute begreift er sich als Erbe der Blue Notes von Louis Moholo.

Konzert: Freitag, 21. Mai, 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal


Der Schlagzeuger Louis Moholo war Teil der Band Blue Notes des weißen südafrikanischen Pianisten Chris McGregor, der ins Gefängnis musste, weil er mit schwarzen Musikern spielte. Gemeinsam flohen sie ins Exil nach London und gründeten die Free Jazz Bigband Brotherhood of Breath. Louis Moholo ist der einzige Überlebende der Blue Notes.

Konzert: Freitag, 21. Mai, ab 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal


Der Pianist Abdullah Ibrahim wurde 1934 in Kapstadt geboren und zählt mit seinem einzigartigen lyrisch erzählerischen Improvisationstalent zu den bedeutendsten Pianisten der Welt. Mit Hugh Masekela war Teil der Jazz Epistles. In seinem Exil in Zürich wurde er in den Sechzigern von Duke Ellington entdeckt. Bis zu seiner Rückkehr 1990 lebte er mit seiner Frau, der weißen südafrikanischen Jazzsängerin Sathima Bea Benjamin, im Chelsea Hotel in New York.

Konzert: Sonntag, 23. Mai, 19.30 Uhr, Philharmonie Berlin – Kammermusiksaal


Foto: 1. Hugh Masekela, Southafrican singer, composer and  trumpetist 2007/scorpius 73/Creative Commons Attribution ShareAlike 2.0 License/Wikimedia Commons
Foto: 2. Archie Shepp 2008 in Warschau/Kotoviski/Creative Commons License 3.0/Wikimedia Commons
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